Joachim Günther - Aufbau Ost

Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Der 3. Oktober und der 9. November sind für Joachim Günther Tage, an denen er sich gerne - auch im Kreise seiner Familie - zurückerinnert an die Zeit der Wende.


„Als am 9. November 1989 die Öffnung der innerdeutschen Grenze verkündet wurde, hatte ich gerade für die Fraktion der LDPD im Plauener Stadtrat den Rücktritt des damaligen SED-Oberbürgermeisters gefordert. Wieder zu Hause, sah ich im Fernsehen die Bilder aus der Hauptstadt. Jubelnde Menschen aus dem Ost- und dem Westteil saßen auf der Berliner Mauer. Es war wie ein Traum.


Am 7. Oktober 1989 begannen in der DDR die Demonstrationen gegen das DDR-Regime, und zwar in Plauen. Auch später trafen sich in der Spitzenstadt Tausende zu Kundgebungen. So auch 1990, als Wolfgang Mischnick am Mikrofon stand.
Um die stundenlangen Wartezeiten am Grenzübergang Hirschberg zu umgehen, fuhren meine Frau und ich tags darauf über die Tschechoslowakei nach Bayern. Die Grenzer - Tschechen wie Bundesbeamte - lächelten, gaben uns Landkarten und fragten, ob wir in die Bundesrepublik übersiedeln möchten. Als wir entgegneten, die Grenzöffnung nur für einen Besuch nutzen zu wollen, war das Erstaunen groß.

Die Fahrt von Weiden nach Hof – der erste Besuch im Westen – wird mir ewig unvergesslich bleiben. Wir fuhren direkt hinein in einen Riesentrubel. Bei dem Freudenfest, zu dem sich in Hof damals ganz spontan Oberfranken, Sachsen und Thüringer trafen, konnte noch niemand ahnen, dass es schon ein Jahr später zur Wiedervereinigung unseres Vaterlandes kommen würde. Die Freude aber war gigantisch. Zu lange hatten die Menschen dies- und jenseits des Stacheldrahtes auf diesen Moment warten müssen. Wildfremde Menschen beschenkten sich und lagen sich überglücklich in den Armen - vereint, ohne dass an der Grenze auch nur ein Schuss gefallen war. Heute wissen wir, dass die Grenzöffnung mit ihren Verbrüderungsszenen der erste Schritt zur Wiedervereinigung war.

Die Anfangseuphorie, die uns auch in den Jahren nach der Wiedervereinigung so wunderbar getragen hat, wünsche ich mir heute oftmals zurück. Vielleicht ließen sich so die noch bestehenden Gegensätze schneller ausgleichen. Tragen sollte auf jeden Fall das Gefühl, ohne Waffengewalt eine politische Wende erzwungen zu haben. Und dann kann man auch wieder daran glauben, dass Ost- und Westdeutschland zusammenwachsen werden – weil sie zusammengehören.“

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