Joachim Günther - 20 Jahre Wende

Aus Erlebtem Zuversicht für Bewältigen aktueller Krisen schöpfen

Joachim Günther erinnert sich an den Wendeherbst: "Als am 1. Oktober 1989 die in die Prager Botschaft geflüchteten DDR-Bürger in die Bundesrepublik ausreisen durften, begann auch der öffentliche unaufhaltsame Zerfall des DDR-Regimes. Die Ausreisewilligen wurden in Zügen transportiert, die durch das Vogtland nach Hof rollten. Tausende DDR-Bürger, die zurück bleiben mussten, säumten damals die Strecke, ließen sich vom Großaufgebot an Polizei und Staatssicherheit nicht abschrecken. Ich sehe die Szenen noch heute genau vor mir - jubelnde und auch viele weinende Menschen, im Wind flatternde DDR-Geldscheine. Denn natürlich war auch ich an der Strecke - am Bahnübergang Plauen-Haselbrunn, um den Flüchtlingszug zu sehen."


"Eine aufwühlende Situation, die in jenem Oktober nur noch getoppt wurde durch die erste friedliche Demonstration in Plauen sechs Tage später. Noch bevor es am 9. Oktober in Leipzig zur ersten Kundgebung kam, erklangen in Plauen die Rufe "Stasi in die Produktion", "Wir sind das Volk". Ich konnte damals spüren: Es gibt eine Chance für die Freiheit und vielleicht auch eine klitzekleine Chance für eine Wiedervereinigung Deutschlands.

Nun jähren sich die Ereignisse also zum 20. Mal. Unglaublich, wie die Zeit verflogen ist. Ich freue mich sehr, als einer von vielen Baumeistern am Aufbau Ost mitwirken zu dürfen. In den ersten acht Jahren nach der Wende als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbauministerium, als Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Verkehr, Bau, Wohnungswesen. Es gibt noch viel zu tun.

Doch gerade in diesen Tagen sollten wir uns erinnern, wie es vor 20 Jahren aussah in unseren ostdeutschen Landen. Die Häuser grau, die Straßen holprig, Abgasgestank wohin man auch kam. Freie Meinungsäußerung war unmöglich. Es ist viel geschafft und viel geschaffen worden. Daran sollten wir uns freuen. Und wir sollten daraus Kraft und Zuversicht schöpfen, um die neuen Aufgaben anzupacken.

Es ist gut, dass es in diesem Herbst, in dem uns die internationale Wirtschafts- und Finanzmarktkrise fest im Griff hat, vielfältige Erinnerungsveranstaltungen an die Zeit des Aufbruchs 1989 gibt. Denn bei diesen Veranstaltungen kann sich jeder noch einmal klar machen, dass keine Situation so ausweglos ist, dass man den Kopf in den Sand stecken müsste. Ich freue mich heute Nachmittag zum Beispiel auf das Eintreffen des ?Zuges der Freiheit? im Plauener Hauptbahnhof. In den sechs Waggons werden verschiedene Ausstellungen zu sehen sein. Zeitzeugen werden am Bahnsteig von ihren Erlebnissen rund um die Wende berichten. Und dann wird sich der Zug in Richtung Hof in Bewegung setzen. Und keinem wird es verwehrt sein, bei Gutenfürst ebenfalls die einstige innerdeutsche Grenze zu überfahren. Großartig!" (1. Oktober 2009)

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